Herkunft & Tradition

Traditionen

Die verschiedenen Yoga-Traditionen sind seit jeher stark vom Verhältnis zwischen Lehrer (Guru, „schwer, gewichtig“) und Schüler geprägt. Das yogische Wissen wurde über Jahrhunderte mündlich vom Lehrer zum Schüler weitergegeben, weshalb ihm bis heute etwas Geheimnisvolles anhaftet.

Dadurch aber, dass so viele Generationen von sehr aufgeweckten, um nicht zu sagen erleuchteten Geistern ihre spezifische Betrachtungsweise, ihre Techniken, ihre Erfahrung und Erkenntnis einfließen ließen, sind die yogischen Traditionen heute unendlich reiche und verdichtete Destillate aus Wissen und, sprechen wir es ruhig aus, Weisheit. Die „Wahrheit“ ist leichter zu enthüllen, wenn man auf reichhaltiges Wissen und ein vielfältiges Instrumentarium an Techniken zurückgreifen kann, das – gewissermaßen „überpersönlich“ – von vielen Generationen von Yogis entwickelt worden ist.

 

Welches Yoga in der Yogawerkstatt?

Die einzelnen yogischen Traditionen – deren es wirklich eine ganze Menge gibt, dazu braucht man bloß einmal in Mircea Eliades (schwer empfehlenswertes) Buch „Yoga“ hineinzuschauen – kommen dabei aber auch zu völlig unterschiedlichen, ja gegenläufigen Herangehensweisen und Ergebnissen, und daher ist es so wichtig zu wissen, in welcher Tradition man steht, wenn man Yoga betreibt bzw. unterrichtet.

Welches Yoga erwartet euch in der Yogawerkstatt? Wir unterrichten hauptsächlich Ashtanga Vinyasa Yoga in der Tradition von Shri K. Pattabhi Jois (1915-2009), wie es heute von dessen Schüler Richard Freeman und seiner Frau Mary Taylor in Boulder, Colorado, gelebt, gelehrt und – durch Anbindung an unser heutiges Denken und Leben sowie durch Öffnung hin zu weiteren asiatischen Denksystemen – weiterentwickelt wird.

 

Schüler von Richard Freeman

Sascha und Romana sind Schüler von Richard, sie haben etliche Advanced Courses und Teaching Intensives mit ihm absolviert und ihm dabei auch assistiert. Über die Jahre sind sie enge Freunde Richards geworden, sie sind mit ihm in regelmäßigem geistigen und menschlichen Austausch, sie lernen bei und von ihm.

Richard stellt die physische Yoga-Praxis in den größeren, ja wahrhaft gigantischen Zusammenhang des indischen Denkens (zurück), erforscht die Berührungspunkte des Yoga mit (u.a.) Buddhismus und westlicher Philosophie, untersucht die Wechselbeziehungen der diversen yogischen Techniken mit unserem modernen westlichen Leben und forscht den Auswirkungen der yogischen Praktiken auf unseren Körper und Geist sowie auf unsere Gefühlswelt nach. Für ihn ist das yogische Instrumentarium ein „Spiegel“ der Selbstbefragung und -erforschung, mit dessen Hilfe wir unserem Geist bei der Arbeit zusehen und die Fundamente unserer eigenen Persönlichkeit – oder dessen, was wir glauben zu sein – erkennen können. In seinen eigenen Worten: „The purpose of a practice is to expose reality.“

 

Ein wissens- und erfahrungsbasiertes Yoga

Es ist Richards Auffassung, dass wir beim Üben die weiteren Stufen des Ashtanga Yoga quasi im Vorübergehen „mitnehmen“, indem wir nämlich Asana, Pranayama (Ausdehnung des Atems) und Pratyahara (Zurücknehmen der Sinne) zu einer einzigen Bewegung bündeln, die wiederum in Konzentration (Dharana) und in weiterer Folge in (bewegte) Meditation (Dhyana) münden.

Richard ist der Typ des Gelehrten, dessen Unterricht von Wissen und Erfahrung durchdrungen ist – alles andere als esoterischer Klimbim. Das eine Prozent Theorie, von dem Shri K. Pattabhi Jois im Zusammenhang mit Yoga spricht, ist bei ihm von Gewicht.

 

Die Lehrer des Lehrers

Um hier kurz auf die Traditionslinien zu sprechen zu kommen: Richard Freemans maßgebliche Yoga-Lehrer waren Shri K. Pattabhi Jois (1915-2009) und B.K.S. Iyengar (1918-2014), beide Schüler von Shri T. Krishnamacharya (1888-1989). Dieser hatte zumindest vier Schüler, deren Yogastile auch im Westen breitenwirksam wurden: seinen eigenen Sohn T.K.V. Desikachar, seinen Schwager B.K.S. Iyengar, Shri K. Pattabhi Jois, den wirkmächtigsten Verbreiter des Ashtanga Vinyasa Yoga, und Indra Devi, die erste Frau, die direkt von einem Brahmanen im Yoga unterwiesen wurde.

Shri T. Krishnamacharya soll das Ashtanga Vinyasa Yoga von Ramamohana Brahmachari beigebracht bekommen haben, einem in einer Höhle im Himalaya lebenden weisen Mann. Darüber hinaus soll er die diesem Yogastil zugrundeliegende Schrift, die antike Yoga Korunta („Gruppe“, will heißen Gliederung von Asanas zu Serien) des Vamana Rishi, im Indischen Nationalarchiv in Kalkutta aufgefunden haben. Doch ist weder das Buch noch dessen sagenhafter Autor historisch verbürgt.

Aus heutiger Sicht scheint es möglich, dass Shri T. Krishnamacharya das Ashtanga Vinyasa Yoga aus dem Hatha Yoga, dem Tantra und Einflüssen aus der westlich geprägten Gymnastik und Athletik, wie sie zu der Zeit in Indien beliebt waren, entwickelt hat.

Das Ashtanga Vinyasa System mit seiner Präzision kultiviert Mudra, Bandha und einen meditativen Geist durch das exakte Platzieren von Atmung/Bandha, Drishti und Asana. Jede Tradition hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt und tut es weiterhin. Im authentischen Ashtanga Vinyasa Yoga, wie auch im authentischen Yoga generell, werden Asanas so sequenziert, dass sie die Nadis harmonisieren und reinigen mit Hilfe von Bandha, Mudra und Pranayama.