Erzählung von Unterwegs

Seit fast 20 Jahren befinde ich mich auf dem Yogaweg. Wunder sind bisher keine „passiert“. Jedoch entfaltet sich das Leben selbst mehr und mehr als Wunder. Yoga ist keine Pille, die man schluckt, und alles wendet sich zum Guten. Oberflächlich betrachtet spürt man sich zwar sehr rasch ausgeglichener und entspannter, dringt man jedoch tiefer ein und öffnet seine Augen, erkennt man Widerstände und Handlungsmuster in sich, die man vorher nur in anderen gesehen hat. Lernen wir uns auf dieser Ebene kennen und spüren, bemerken wir, dass es unsere Entscheidung ist, wie wir auf das Leben reagieren, und daraus ergibt sich, ob wir uns durchs Leben kämpfen oder im Fluß des Leben sind.

Yoga ist nicht nur Mittel zur Transformation, sondern es hat sich selbst in seiner Bedeutung für mich ständig gewandelt. Ein Zufall hat mich ursprünglich zum Yoga gebracht, es war keine Eigeninitiative, aber war es denn wirklich Zufall? Seine Kraft half mir, mich in einem unglücklichen Umfeld zu erkennen und mich dann davon loszulösen. Yoga als großer Hoffnungsträger, der alles reinigt und heilt, was ich innerlich ablehne, wenn ich nur beharrlich mein Yoga übe. Yoga als Ego boost, wenn die ekstatischen, erhabenen Körperempfindungen mir das Gefühl verleihen, etwas Besonderes zu sein. Yoga als Lifestyle mit Ernährungsumstellung, neuem Outfit und klischeehaftem Verhalten, kurzum einer neuen Hülle. Doch das Innere bleibt unverändert.

Im traditionellen Yoga heißt es, dass du erst dich selbst befreien musst und dann anderen helfen kannst. Genauso, wie es im Flugzeug durchgesagt wird, erst sich selbst die Sauerstoffmaske anlegen und dann den anderen. Es gibt eine Meditation zur Kultivierung liebender Güte. Dabei wünscht man erst sich selbst Gutes, und dann seinen Nächsten und Verwandten und Bekannten, usw. Einerseits ist es wichtig, bei sich selbst zu beginnen und Empathie sich selbst gegenüber zu haben. Es schafft einen neuen Einblick in dein Wesen, losgelöst von Selbstbezogenheit. Doch andererseits ist es mindestens so wichtig, danach für andere weiterzumachen.

Das erste Mal hörte ich von Michael Stone, dass wir uns gleichzeitig nach Innen (für sich selbst) und nach Außen (für andere) entwickeln müssen. Jede Richtung befruchtet die gegenüberliegende. Durch meine Eigenpraxis habe ich die Energie, um anderen zu helfen wie zB. Sozialer Aktivismus in Michaels Fall, und durch die Hilfe für andere unterstütze ich den Prozess, mein Innerstes „aufzuräumen”.
Durch Michael erfuhr ich von Stephen & Martine Batchelor, eine meiner größten Inspirationsquellen. (Eigentlich bekam ich schon von meinem Schwiegervater ein Buch von Stephen Batchelor, lange bevor ich Michael kannte.)

Stephen hat mich von Beginn an fasziniert. Er ist das Sprachrohr für einen säkularen, zeitgemäßen Buddhismus, der sich mit der Frage befasst, was es heute bedeutet, ein Mensch zu sein und wie man in seinem Leben aufblühen kann. Wichtiger als an Doktrinen zu glauben, um ein guter Mensch/Buddhist/usw zu sein, wie es in der Orthodoxie gelehrt wird, ist das ethische, situationsbedingte und praxisbezogene Handeln im Augenblick. Stephens Zugang für seine Lehrinhalte kam durch seine Skepsis und das Hinterfragen bestehender orthodoxer und dogmatischer Übersetzungen, die auf der indischen Erlösungslehre beruhen. Dogma ist ein Glaubenssatz, der nicht hinterfragt werden darf, und Kritik ist unerwünscht. Dank seiner Kenntnis des Pali muss Stephen nicht auf bestehende Übersetzungen zurückgreifen, sondern bedient sich frühester Aufzeichnungen aus dem Pali-Kanon, den Lehrreden Buddhas, und interpretiert sie auf eine pragmatische Art, die für alle anwendbar ist, und nicht nur für praktizierende bzw. gläubige Buddhisten.

Zuerst besuchte ich Meditations-Retreats, die von Stephen und Martine geleitet wurden, und bald entschloss ich mich, einen 2-jährigen Kurs bei ihm zu machen. Während des Kurses fühlte ich in mir ein wachsendes Unbehagen mit meinem Yogaweg. Ich fühlte mich gefangen und unfähig, meinem Zweifel Gehör zu verschaffen. Der Zweifel galt nicht dem Yogaweg an sich, sondern meinem starren Anhaften an einer Traditionslinie. Die Starrheit war schon vor dem Yoga in mir, und ich wollte im Yoga Sicherheit finden, etwas, das unveränderlich ist und gewusst werden kann, obwohl ich mit Richard Freeman und Mary Taylor außergewöhnliche Lehrer hatte, die mir mit einem offenen und besonnenen Zugang zum Yoga gezeigt haben, dass die Wahrheit in der Mitte liegt. Möglicherweise hat mich gerade ihre Art für meinen weiteren Weg vorbereitet und für Stephens Unterricht empfänglich gemacht. Doch das konnte ich damals nicht sehen und auch nicht erkennen, dass Zweifel ein wichtiger Impulsgeber ist, um starre Strukturen zu hinterfragen.

feuer

Durch die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in diesen Jahren mit Weinstein, Trump & Co und die in mir entfachte Krise wuchs in mir der Wunsch nach einer gesunden Männlichkeit für mich selbst und dadurch in weiterer Folge auch für andere. Die #metoo Bewegung brachte viele engagierte Frauengruppen hervor. Meine Frau, Romana, hatte die Vision für eine Frauengruppe in unserem Yoga-Sangha und begann diese zu manifestieren. Ich glaube, dass ich dadurch für diese Art Ereignis hellhörig geworden bin und so eines Tages einen Eintrag in den Sozialen Netzen für einen besonderen Männerkreis entdeckte.

Nico Tonisch, ein Coach und Netzwerker, veranstaltet regelmäßig Männerkreise zu den Themen Mann & Körper, Mann & Herz und Mann & seine Mission und bringt Männer aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen zusammen. Er führt diese Veranstaltungen mit einem jugendlichen Enthusiasmus und mit viel Herz. Men-in-the-Woods wurde von Nico ins Leben gerufen. In diesem 4-tägigen Rückzug aus dem Alltag verbringen die Männer Zeit mit sich und als Gruppe, mit der Absicht, uns wieder mit der männlichen Energie zu verbinden. Ein wichtiger Teil dieser Erfahrung ist für mich, in der Natur unter der Obhut von Mutter Erde zu sein. In der indianischen Kultur wird ein Junge als Initiation zur Mann-Werdung alleine in den Wald geschickt. Es ist ein Ritual für die Transformation vom Jungen zum Erwachsenen.

Diese 4 Tage auf dem Land waren für mich die bewegtesten seit langem. Der Austausch mit Männern u.a. über unsere Väter, zuzuhören und gehört zu werden. Ich erfuhr mich ganz ohne Maske, roh und zerbrechlich, jedoch fühlte ich gleichzeitig eine große Kraft in meiner Offenheit. Ich hatte das Gefühl, mein Wesen zu spüren, die Essenz in mir. Eine grenzenlose Liebe und Dankbarkeit strömte durch mich durch und aus mir heraus. Dieser Prozess entstand nicht getrennt von Yoga oder stattdessen. Vielmehr ist mein Yogaweg der Nährboden dafür und wird gleichzeitig von diesem Prozess mit neuem Leben angereichert.

Vater und Sohn

Mein größter Wunsch ist es authentisch zu sein, vom Herzen zu sprechen und zu handeln. Ich habe einen Rückzugsort, zu dem ich “Heilsreisen” unternehme, wo ich in mein Innerstes blicken und meine Ängste zeigen kann. Sie auszugraben und an die Oberfläche zu bringen, schwächt sie und hilft mir, sie bewusst zu integrieren. Auch wenn es mir nicht leicht fällt, so lohnt sich dieser Aufwand und ermöglicht wiederum ein Öffnen nach Außen. Jedesmal, so hoffe ich, aufrichtiger und authentischer. Wenn ich Begegnungen in meinem Alltag als eine Gelegenheit wahrnehmen kann, zu erwachen, dann unterscheide ich nicht zwischen guten und schlechten Erlebnissen. Jede Begegnung ermöglicht mir, etwas zu lernen und zu sehen, wo meine Widerstände sind. Gelingt es mir, im Herzen zu bleiben, empfinde ich das Leben im Fluß. Andernfalls übernimmt mein Ego die „dogmatische“ Führung und Gräben tun sich auf, was mich von den anderen, aber auch dem Leben abtrennt.

Meinem Herzen entspringt der Wunsch, meine Energie, meinen Einsatz sowie die Yogawerkstatt (als örtlichen Rahmen) für regelmäßig stattfindende Männerkreise zur Verfügung zu stellen. Zusammenkommen und eine “neue“ Art der Verbindung zueinander herzustellen, auf Augenhöhe, offen, aufrecht und aufrichtig. Einander abseits von Wettkampf und Vergleichen zu begegnen, um das Mannsein neu zu definieren, indem wir beisammen sitzen, Geschichten erzählen und zuhören, musizieren und füreinander da sind.

Der Termin für den ersten Männerkreis ist der 25. Mai um 19 Uhr.
Lass mich wissen, wenn Du dabei sein willst.

P.S.:
Empfehlung für das nächste „Men in the Woods” mit Nico Tonisch von 30. Mai bis 2. Juni. Es gibt es noch freie Plätze -> www.meninthewoods.at