Embrace this world second by second

Public Talk von Stephen Batchelor – eine kleine Nachlese.


Am 23. Juni hat der renommierte Buddhismuslehrer und Schriftsteller in der Yogawerkstatt einen Vortrag über sein neues, im Herbst herauskommendes Buch ,,After Buddhism” gehalten. Hier eine kleine Nachlese.

Mit 18 Jahren, vor weit über 40 Jahren, ist Stephen nach Indien gegangen und in Dharamsala mit dem Dharma in Berührung gekommen. ,,Ich begann, mich mit dem Dharma zu beschäftigen. Nicht mit Buddhismus, wohlgemerkt: Der Ausdruck Buddhismus ist eine Erfindung von westlichen Gelehrten des 19. Jahrhunderts. Der Buddha selbst lehrte nicht ,Buddhismus’, sondern das Dharma.”

Seit mehr als 40 Jahren setzt sich Stephen nun schon mit dem Dharma auseinander, es ist das einzige, was er weiß, wie er sagt, seine einzige echte Qualifikation. ,,Mein Interesse am Dharma ist eine richtige Leidenschaft geworden, ich liebe es!” Warum? Weil es einige grundlegende Fragen anspricht, wie zum Beispiel: Was bedeutet es, ein Mensch auf dieser Welt zu sein, geboren zu werden, aufzuwachsen, zu sterben; wie können wir besser, erfüllter leben, wie können wir unser Leben verwirklichen, wie wahrhaftig, barmherzig und weise sein.

Soweit nur einige der vom Dharma aufgeworfenen zentralen Fragen. Der Buddhismus hingegen hat sich im Verlauf der Geschichte, so Stephen, immer wieder weit davon entfernt, in Richtung Religion, Ideologie, politischer und Machtinteressen. Was andererseits durchaus für seine Vitalität und geistige Strahlkraft spricht, man denke nur an seine verschiedensten Ausprägungen wie Theravada, Zen oder den tibetischen Buddhismus. Er hat sich je nach den Zeiten und den Kulturen, auf die er stieß, unterschiedlich entwickelt. Schon dem Buddha war bewusst, dass alles einem Wandel unterworfen ist, dass auch Ideen sich weiterentwickeln und in neue Richtungen gehen.

Genau hier setzt Stephen mit seinem neuen Buch ,,After Buddhism” an: ,,Was meine ich mit diesem Titel? Ich sage nicht: nach dem Dharma, sondern: nach dem Buddhismus. Wie entwickelt sich das Dharma in unserer Gegenwart weiter, wie interagiert es mit unserer heutigen Kultur, mit den Fragen der Moderne?

Interessanterweise gibt das Dharma Antworten und Techniken, von denen vielfach gar nicht bekannt ist, dass sie von ihm kommen. Nehmen wir nur ,,mindfulness”, die vielzitierte ,,Achtsamkeit”. Achtsamkeitsübungen werden eingesetzt, um Depressionen oder Angststörungen zu behandeln. Wir begegnen ihnen auf vielen Gebieten, bis hin zu Managementseminaren, im Geschäftsleben und sogar beim Militär. Stephen: ,,,Achtsamkeit’ ist etwas, das der Buddha lehrte. Heute ist sie Mainstream geworden, und man beruft sich in allen möglichen Bereichen auf sie. Ich sehe es bei den Retreats, die ich leite. Früher kamen hauptsächlich Menschen, die sich für Buddhismus interessierten. Heute kommen viele, ohne etwas über den Buddhismus zu wissen. Aber sie haben von Achtsamkeit gehört. All das sind schöne Beispiele dessen, was ich als ,after Buddhism’ bezeichne.”

Das ist ja alles gar nicht schlecht, meint Stephen, insbesondere dann, wenn die alten buddhistischen Praktiken mit den großen Fragen unserer Zeit, wie etwa dem Klimawandel, zusammengeschaltet werden. Mit ,,After Buddhism” meint Stephen: In welche Richtung entwickelt sich der Buddhismus in unserer Zeit, in unserer Kultur. ,,Ich habe sieben Jahre im tibetischen und vier Jahre im koreanischen Zen-Buddhismus verbracht. Ich lernte die Sprachen und studierte die Texte. Aber ich kam drauf, dass sie die westlichen Menschen unserer Zeit nicht wirklich ansprechen, dass sie uns mit den Fragestellungen und Problemen unserer Zeit alleinlassen. “

Gefragt sind also Lehren für die Menschen unserer Zeit. Wohin geht die Reise, fragt sich Stephen, und findet eine mögliche Antwort bzw. einen Rahmen, innerhalb dessen Antworten möglicherweise zu finden sind: den Zeitraum von Buddhas Geburt bis zum Auftauchen der ersten buddhistischen Schulen und Richtungen. ,,Es gibt da viele Schriften, die zum Teil noch zu Lebzeiten des Buddha entstanden sind, aber wir müssen uns oft erst durch viele Schichten von Interpretationen und nachträglichen Schriften durcharbeiten, ehe wir zu den Urtexten vordringen können. Mir geht es darum, die Essenz der Lehren des Buddha herauszuarbeiten, wie sie in den Schriften jener Zeit niedergelegt ist. Vielleicht können wir über den Umweg einer 2.500 Jahre alten Lehre ein Dharma für unsere heutige Welt finden.”

In ,,After Buddhism” setzt sich Stephen auch mit Fragen auseinander wie: Was für ein Mensch war dieser Gautama? In welcher Art von Welt wuchs er auf, welchen ideengeschichtlichen Kontext fand er vor, ehe er seine eigene Lehre dort hineinstellte? Worin lag das Neuartige seiner Lehre im Umfeld der metaphysischen und religiösen Vorstellungen seiner Zeit? Beide Aspekte gehen Hand in Hand, folgerichtig enthält das Buch ebensosehr eine Biographie des Buddha wie eine Neubewertung seines Denkens.

Stephen bezeichnet die frühen Schriften als die radikalsten. Man findet hier ein Dharma vor, das keine metaphysischen Glaubenssätze wie die Reinkarnation benötigt. Diese wurde später in den Buddhismus integriert, ist aber nichts wesenhaft Buddhistisches, findet man sie doch auch in den anderen Glaubensrichtungen jener Zeit, insbesondere im Hinduismus und im Jainismus.

Auch ein weiteres Fundament des Buddhismus stellt Stephen in Frage: die Lehre von den vier edlen Wahrheiten, sprich, die Lehre vom Leiden, von dessen Ursprung im Begehren, dessen Beendigung und dem achtfachen Pfad, der dazu führt. In Stephens Verständnis kam diese Doktrin erst Hunderte Jahre nach Buddha zustande. ,,Der Buddha ging nicht von Wahrheiten aus, sondern von Aufgaben. Nicht von etwas, das man zu glauben, sondern von etwas, das man zu tun hatte. Er ging praktisch, pragmatisch vor, nicht doktrinär.”

Die vier Aufgaben, die der Buddha am Ende seiner ersten Lehrrede verkündete, lesen sich Stephen zufolge anders. Erstens: Nimm Dein Leben voll und ganz an. Um das Leiden voll und ganz zu erkennen, ergründe die tragische Natur des menschlichen Daseins. Aber nimm es an. So wie der erste Schritt, wenn man in sich in eine Depressionstherapie begibt, der ist, sich einzugestehen, dass man depressiv ist. Der korrekte erste Satz des Buddha lautet demnach nicht ,,Leben heißt Leiden”, sondern ,,Nimm das Leiden an”.

Zweitens, die Frage des Begehrens: Wie können wir so leben, dass wir nicht ausschließlich auf Außenreize reagieren, ständig von unseren Wünschen und Gefühlen getrieben, Spielball unserer Instinkte und Ängste sind? Wie können wir aus der Konditionierung heraustreten? Wie können wir einen Schritt zurücktreten und uns selbst beobachten, wie wir uns Vorstellungen und ,,Stories” von uns selbst machen, die verstellen, wer wir wirklich sind?

Drittens, das Beendigen des Leidens: Nirvana, meint Stephen, ist weniger ein aberwitziger metaphysischer Zustand, sondern bezeichnet jene Momente, wenn wir aufgehört haben, unser Begehren, unser Ego ständig zu füttern, wenn wir – wenn auch nur für kurz – nicht-reaktiv sind. Das sind, meint Stephen, gar keine spezifisch buddhistischen, sondern einfach menschliche Erfahrungen. ,,Was der Buddha uns beibringt, ist, wie wir diese Momente von Klarheit, Ruhe und Bewusstheit mehr und mehr in uns kultivieren.”

Die drei Aufgaben, in unserer heutigen Sprache ausgedrückt: Das Annehmen des Lebens und das Loslassen der Determinationen schafft die Voraussetzung für innere Ruhe, Klarheit und Frieden. Aber Nirvana ist nicht Ziel und Schlusspunkt der Lehre, wie die buddhistische Orthodoxie meint. Für Stephen ist die vierte Aufgabe eine ethische.

,,Nirvana gibt uns einen offenen Raum von Möglichkeiten. Es gibt uns die Bereitschaft, in unserer Lebenssituation und mit der Welt, die wir vorfinden, in einer nicht-konditionierten, affirmativen Weise zu interagieren, frei von Ego, Gier, Hass, Angst …

Die ursprünglichen Lehren des Buddha, meint Stephen, sind weniger ,,buddhistisch” als vielmehr universal. Es gehe darum – und wir lassen diese Worte auf Englisch, weil sie gut sind – ,,to do the business of living a bit better, to embrace this world second by second.”

Beeindruckende Schlussworte einer einstündigen, frei gehaltenen Rede vor aufnahmebereitem Publikum. Nach einer Stunde war Schluss, in der Yogawerkstatt stand eine Asana-Stunde an, alles zerstreute sich, und Stephen zog mit seiner Frau Martine weiter, um ein Retreat im Buddhistischen Zentrum in Scheibbs abzuhalten.

Über Stephen Batchelor:Der gebürtige Schotte hat Jahre seines Lebens in buddhistischen Zentren in Asien verbracht und ist heute als Buddhismus- und Meditationslehrer weltweit tätig. Stephan hat etliche Bücher zu zeitgenössischen Herangehensweisen an den Buddhismus publiziert, darunter "Buddhismus für Ungläubige“, das bereits als Standardlektüre für Interessierte gilt. Im Herbst dieses Jahres kommt sein neues Buch "After Buddhism: Rethinking the Dharma for a Secular Age“ heraus.